Das Stromnetz unter Stress: Wie viel passt durch die Leitungen?

Sie produzieren Strom auf dem eigenen Dach oder laden Ihr Elektroauto. Gleichzeitig laufen Wärmepumpen, Industriebetriebe arbeiten und viele Haushalte kochen. Unser Stromnetz verbindet all das zuverlässig. Doch auch ein starkes Netz hat Grenzen: Strom muss nicht nur produziert werden. Er muss auch sicher bei Ihnen ankommen.
Das Bild zeigt eine Stromleitung und im Hintergrund das Stockhorn

Strom entsteht nicht nur in grossen Kraftwerken, sondern oft direkt vor Ort, zum Beispiel mit Photovoltaikanlagen. Damit er über längere Strecken transportiert werden kann, wird die Spannung erhöht. Je höher die Spannung ist, desto weniger Strom muss durch das Kabel fliessen, um die gewünschte Energiemenge zu übertragen. So entsteht weniger Wärme und es geht weniger Energie verloren. Gleichzeitig können dünnere Kabel verbaut werden. Ihr innerer Aufbau, der sogenannte Leiterquerschnitt, fällt kleiner aus. Das macht den Stromtransport effizienter und spart Kosten.

Vom Kraftwerk bis zu Ihnen durchläuft der Strom mehrere Netzebenen:

  • Übertragungsnetz (380/220 kV): die Autobahnen
  • Überregionales Verteilnetz (132/50 kV): die Kantonsstrassen
  • Regionales Verteilnetz (16 kV): die Gemeindestrassen
  • Lokales Verteilnetz (400/230 V): die Quartierstrassen

Das lokale Verteilnetz ist die letzte Stufe. Sie bringt den Strom mit einer Spannung von 400/230 Volt direkt zu Ihnen nach Hause und sorgt für eine sichere Versorgung im Alltag.

Auch in Thun gibt es ein dichtes Netz:

  • rund 14 Kilometer «Kantonsstrassen»
  • rund 83 Kilometer «Gemeindestrassen»
  • rund 468 Kilometer «Quartierstrassen»
  • zusätzlich rund 290 Kilometer «Quartierstrassen» für die öffentliche Beleuchtung

Warum Leitungen Grenzen haben

Stromleitungen können nicht unbegrenzt Energie transportieren. Jede Leitung hat eine maximale Belastbarkeit. Wird zu viel Strom übertragen, erwärmt sich das Kabel. Wird die Spannung zu hoch, kann die Isolation beschädigt werden. Systeme überwachen das Netz und verhindern Überlastungen. Darum gilt: Es reicht nicht, dass genug Strom vorhanden ist. Er muss auch durch die Leitungen passen.

Ein einfaches Bild hilft. Das Stromnetz funktioniert wie ein Strassennetz. Solange der Verkehr fliesst, läuft alles rund. Wird es zu voll, entsteht Stau. Im Stromnetz ist ein solcher «Stau» nur begrenzt möglich. Bei zu hoher Belastung schaltet sich das Netz automatisch ab.

Warum das Netz ausgebaut wird

Das Stromsystem verändert sich. Früher floss Strom vor allem von grossen Kraftwerken zu den Haushalten. Heute wird er vermehrt vor Ort produziert und ins Netz zurückgespeist.

An sonnigen Wochenenden, wenn Gewerbe und Industrie wenig Strom verbrauchen, zeigt sich das besonders deutlich: Viele Photovoltaikanlagen liefern gleichzeitig Strom. Zusammen mit den regionalen Kraftwerken entsteht zeitweise mehr Energie, als vor Ort benötigt wird. Der Überschuss fliesst ins vorgelagerte Verteilnetz.

Auch wenn Photovoltaikanlagen nur wenige Stunden im Jahr ihre maximale Leistung erreichen, muss das Netz genau dann genügend Kapazität haben. Darum wird das Netz laufend ausgebaut: Leitungen werden verstärkt, damit mehr Strom transportiert werden kann. Anlagen und Stationen werden erweitert.

Der Ausbau hat jedoch Grenzen. Platz, Kosten und Bewilligungsverfahren setzen klare Rahmen.

Was zusätzlich nötig ist: mehr Flexibilität

Ein starkes Netz allein reicht nicht. Produktion und Verbrauch müssen jederzeit im Gleichgewicht sein. Mit mehr Solar- und Windenergie wird die Stromproduktion stärker vom Wetter abhängig. Flexibilitäten werden darum immer wichtiger. Sie helfen, Schwankungen auszugleichen.

Dazu gehören steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen oder Speicher. Sie können Strom dann beziehen, wenn viel Energie vorhanden ist. Und sie können den Stromverbrauch reduzieren, wenn die Netzauslastung hoch ist. So bleibt die Versorgung auch in Zukunft zuverlässig.

Das Bild zeigt eine Stromleitung und im Hintergrund das Stockhorn

Tiefer ins Thema Netzstabilität eintauchen?

In unserer Blogserie erfahren Sie, wie das Stromnetz im Gleichgewicht bleibt.