Ein Bild, eine Geschichte im Kopf, nur vage, um flexibel für das Bild nebenan und neue Ideen zu sein, leicht skizziert oder bereits in einem Grafikprogramm vorillustriert. Schriftenmaler gestalten aus dem Schwung, ein Illustrator beginnt meist mit Merkpunkten; es gibt verschiedene Herangehensweisen für eine Wandmalerei. Für ein Graffiti «just for fun», wohlverstanden. Graffiti ist ein weitreichender Begriff. Wandmalereien können Treue-Bekundungen zu Sportklubs oder Weltanschauungen sein, sie können verschlungene oder klare Schriften beinhalten, durch Bilder Geschichten erzählen und zum Nachdenken oder Bestaunen animieren.
Graffiti als Beruf
Graffitikünstler wie Bax und El Burrito machen ihr Hobby zum Beruf. Wandbilder als Auftragsarbeiten? Ja sicher. Dank solcher Auftragsarbeiten konnte sich Bax innerhalb der letzten drei Jahre in dieser Nische profilieren und lebt heute davon. Für El Burrito ist’s – momentan noch – ein zweites Standbein nebst seinem Lehrberuf. Je nach dem haben die beiden viel oder völlig freie Hand, dennoch bestehen höchstwahrscheinlich Kundenwünsche bezüglich Thema, Sujet oder gar Farbwahl. Manchmal ist der Spagat zwischen Kundenwunsch und dem künstlerischen «Dahinterstehen können» etwas grösser, doch ein Konsens findet sich eigentlich immer. Ausser von Bax wird verlangt, fotorealistisch zu zeichnen oder einen bekannten Künstler zu kopieren, das ist verständlicherweise nicht seine Art. Wenn aus einem Totenkopf auf irgendeine Art wieder etwas Lebendiges entsteht, kann El Burrito ausnahmsweise auch dieses Sujet zum Leben erwecken.
El Burritos Leidenschaft für die Wandmalerei hat seinen Ursprung zu Beginn seiner 20er Jahre, als er Computerspiele gespielt hat und ihn dabei vor allem die Grafiken faszinierten. So begann er mit digitalem Gamedesign und Illustrationen. Irgendwann hatte er genug davon, die Werke nur auf dem Computer zu sehen. Solche Arbeiten konnten zwar auf Kunstwebseiten veröffentlicht werden, doch die Anerkennung und Bekanntheit waren gering – damals gab’s noch keine Social Media Plattformen. Nachdem ihn ein Kollege an eine der ersten PropART-Veranstaltungen in Thun mitgenommen hatte, fing er noch am selben Tag mit Spraydosen zu pröbeln an und war vom neuen Werkzeug fasziniert.
Seit sich Bax erinnern kann, hat er gern mit Stiften gemalt. Durch einen Kollegen ist er zu den Spraydosen gekommen. Um die Kontrolle über die Spraydosen zu erlangen, braucht es meist einige Jahre Übung. Grundsätzlich ist seine Einstellung etwas auszuprobieren und zu üben, bis es funktioniert und sich das Ergebnis sehen lässt. So ist er beispielsweise auch über die Wasserfarben Herr und Meister geworden. Für andere etwas zu machen, ist für ihn sehr motivierend. Deshalb wagt er sich auch an Projekte, um die andere möglicherweise einen Bogen machen würden.
El Burrito und Bax kennen sich schon lange. An öffentlichen Graffitiwänden sind teilweise immer dieselben Leute anzutreffen und so war’s denn nicht verwunderlich, wenn einige zusammen abmachten. Man lernt voneinander, pusht sich gegenseitig Neues auszuprobieren und Fortschritte zu machen. Es geht fast wie in einem Sportklub ums Üben, ganz zu schweigen vom Unterhaltungswert. So entstand vor einiger Zeit der HMS, Harmlos Sprayclub, bei dem inzwischen 10 bis 15 Leute aus der Region Thun mitmachen. Bestätigung finden sie in ihrem Können wohl am meisten, wenn vorbeigehende Fussgänger:innen sich an den farbigen Kunstwerken erfreuen, von ihrer eigenen zeichnerischen Vergangenheit schwärmen und vor allem, wenn sie bereits Angst haben, die Bilder würden zu schnell wieder übersprayt.
